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Neulings-Anfrage |
| Eleonore Drobnik | Erstellt am: 2008-04-16 21:18  
Liebe Haiku-Experten,
ich bin eine Anfängerin und bin nicht sicher, ob ich meinen Dreizeiler Haiku nennen darf. Ich weiß nur die Grundregeln von 5-7-5 Silben und den Hinweis auf eine Jahreszeit.
In meinem Dorf befindet sich ein Monolith (Hinkelstein, Menhir, Grabstele - alles ist möglich). Im Zug der Dorfentwicklung möchten wir diesem Stein die gebührende Würdigung erweisen und mir ist hierzu der nachfolgende Dreizeiler eingefallen. In den Verzeichnissen der Monolithe in Rheinland-Pfalz werden die nicht benannten Steine "Stein ohne Namen" genannt. Diese Bezeichnung war die Grundlage für mein Gedicht.
Also hier ist es:
STEIN OHNE NAMEN
KULTUR SEIT JAHRTAUSENDEN
MENHIR IN GUMBSHEIM
Kann ich das jetzt Haiku nennen oder nicht?
Mit Herzklopfen erwarte ich eure Antwort.
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| Uwe Pfeiffer | Erstellt am: 2008-04-16 23:16  
5-7-5:
das tragende eines haiku oder senryû ist a) seine philosophie, b) seine innere funktion. das 5-7-5 ist nur ein korsett, welches die funktion gewährleisten soll, d.h. das 5-7-5 ist (ein traditionelles ideal, aber funktional) nicht zwingend
STEIN OHNE NAMEN
KULTUR SEIT JAHRTAUSENDEN
MENHIR IN GUMBSHEIM
hauptunterschied zwischen haiku und senryû:
das haiku befasst sich mit naturerscheinungen, das senryû mit der lebenswelt, beim haiku wird eher eine strengere regelerfüllung erwartet
beide formen müssen sich anschaulich verhalten: meinungen, wertungen, lyrische kunstformen, bindungsaspekte (metrik, reim, usw.), alle aspekte die eine anschauliche wirkung hindern oder verhindern stören und zerstören seine innere funktion. die (gefühlsmäßige oder indirekte) aussage entsteht durch das zusammenwirken mehrer (meist voneinander unabhängiger) bilder.
STEIN OHNE NAMEN
KULTUR SEIT JAHRTAUSENDEN
a) das „ohne namen“ = abstrakt
b) „Kultur seit Jahrhunderten“ = eine wertung/meinung/folgerung = abstrakt
die qualität eines haiku/senryû resultiert allein aus der wirkung, die durch das zusammenspiel der verwendeten bildaspekte entsteht … der text muss wirkungen erzeugen (er zeigt nur, trifft keine direkten aussagen: z.b. die halme biegen sich = anschaulich) … die evtl. indirekte aussage oder ausdrucksstarke empfindung entsteht erst auf der assoziationseben (nicht im text, nicht im wortspiel, nicht durch metaphern, o.ä.), die einzelbilder an sich verhalten sich anschaulich … beim senryû kann evtl. auch ein ausruf o.a. zum anschaulichen bild werden (d.h. alles was den anschaulichen augenblick nicht stört oder zerstört ist möglich – wenn etwas stört: schwächt es, stört zu viel: misslingt die wirkung)
das haiku/senryû mit seine +-17 silben oder 3 versen ist keine einfache form ... ein haiku oder senryû zu verfassen ist noch recht einfach ... ein wirkungsstarkes und interessantes haiku oder senryû ... kann eine herausforderung sein ... ein formreines und fehlerloses haiku kann sich durchaus wirkungsschwach oder unoriginell zeigen ... d.h. beim haiku/senryû geht es nicht um die kluge oder intelektuelle textaussage, sondern um die aussage und originalität, die aus den wirkungen zwischen den anschaulichen textaspekten resultiert
[ Diese Nachricht wurde geändert von: Uwe Pfeiffer am 2008-04-17 02:49 ]
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| Eleonore Drobnik | Erstellt am: 2008-04-18 16:44  
vielen Dank für die Auskunft.
Also ist mein Dreizeiler kein Haiku.
Gut, dass ich gefragt habe.
Ist dann eigentlich mein erstes Haiku ein Haiku?
"Freude am da Sein.
Frühling erleben, wieder.
Hoffen auf ewig."
Mit bangendem Herzen erwarte ich die Antwort.
Eleonore
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| Uwe Pfeiffer | Erstellt am: 2008-04-18 18:45  
Hallo Eleonore,
dieser texte erfüllt die bedingungen (funktion und philosophie) eines haiku nicht.
versuchen sie in ihren gedanken ein gegenständliches bild zu malen, welches den inhalt des textes widerspiegelt ... dies kann nicht gelingen ...
stellen sie sich den haiku als ein bild vor, welches sich z.b. aus 2 verschiedenen (realen, bildlichen) szenen zusammensetzt, die beiden bildausschnitte stehen meist nicht in direkter abhängigkeit zueinander ... wichtig ist ... nur zu beschreiben, was in den szenen zu sehen (mit den sinnen zu erfaßen) ist (= anschaulich, z.b. biegende halme, schnecken im salatbeet, ...)
grüße
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